Über Abschied – und das was uns dabei verloren geht

Leben

Der Anruf kam vom Telefon meiner Mutter.
Am anderen Ende war mein Onkel.
Seine Stimme sagte nur, dass etwas Schreckliches passiert sei.

Vierzig Minuten später stand ich auf dem Hof meines Elternhauses. Dort standen zwei Fahrzeuge. Das Auto der Bestatterin. Und das der Kriminalpolizei.

Ca. 1,5 Stunden zuvor hatte mein Vater sich wegen etwas Unwohlsein ins Bett gelegt.

Was in dieser Stunde geschah, veränderte unser Leben für immer.
Mein Vater starb.

Meine Mutter war bei ihm.

Während sie mit der Frau am anderen Ende des Notrufs sprach, die für sie den Rhythmus der Herzmassage zählte, verbrachten meine Eltern – nach über 50 gemeinsamen Jahren – ihre letzten Momente zusammen. Ganz nah. Ganz intim. Meine Mutter ‚streichelte‘ das Herz meines Vaters.

Für mich ist dieser Gedanke heute ein großer Trost.

Die Rettungskräfte kamen schnell. Notarzt, Sanitäter, Feuerwehr – alle haben alles gegeben. Auch Nachbarn waren sofort da. Und dennoch ließ sich nicht verhindern, dass mein Vater sich auf den Weg machte.

Nachdem der Arzt nur noch den Tod feststellen konnte, begann etwas, das mich sehr beschäftigt hat.

Weil die Todesursache nicht eindeutig eingeordnet werden konnte, setzte sich ein System in Bewegung. Ein System aus Vorschriften, Abläufen und Zuständigkeiten.

Etwa eine Stunde nachdem mein Vater sich hingelegt hatte, standen drei Kriminalbeamte im Haus meiner Eltern. Fotos wurden gemacht. Fragen gestellt. Formulare ausgefüllt.

Dienstkleidung, zu der auch Handschellen und Waffen gehören, traf auf einen Raum voller Schock, Tränen und Fassungslosigkeit.

Meine Mutter, meine Schwester und ich saßen im Wohnzimmer.
Niemand durfte mehr zu meinem Vater.

Durch die Glasscheibe der geschlossenen Tür konnte ich nur schemenhaft erkennen, wie im Flur etwas geschah. Der Körper meines Vaters wurde auf eine Liege gelegt.

Ich wollte zu ihm.
Ich wollte ihn sehen.
Ich wollte mich verabschieden.
Ich wollte ihm über die Hand streichen.

Ich durfte nicht.

Ich wurde zurückgerufen. Zurückgehalten.

Ich erinnere mich daran, dass ich geschrien habe. Dass ich gesagt habe, ich möchte zu meinem Papa. Ich möchte „Tschüss“ sagen.

Die Antwort war ruhig, sachlich und bestimmt:
Das geht jetzt nicht. Das sind die Vorschriften.
Sie können ihn später in der Leichenhalle sehen.

In der Leichenhalle?

Hier war sein Zuhause.
Hier hatte er gelebt. Gelacht. Geliebt.
Hier wollte ich mich verabschieden.

Ich fragte:
„Heißt das, dass Vorschriften über den Tod hinausgehen?“

Die Antwort lautete: Ja.

Etwa zwei Stunden nachdem mein Vater sich hingelegt hatte, wurde sein Körper aus seinem Haus geschoben.

Unser System hatte übernommen.
Beschlagnahmung. Staatsanwaltschaft.
Freigabe zwei Tage später – ohne Obduktion.
Dann war es wieder „unser“ Verstorbener.

 

Ich schreibe diesen Text nicht aus Wut auf einzelne Menschen. Im Gegenteil:

Ich habe in diesen Stunden viele engagierte, mitfühlende und professionelle Menschen erlebt. Menschen, die ihren Auftrag gewissenhaft erfüllt haben.

Und gleichzeitig bleibt eine tiefe Frage in mir zurück:

Wie gehen wir als Gesellschaft mit Sterben, Tod und Abschied um?

 

Wann haben wir begonnen zu akzeptieren, dass Abläufe wichtiger werden als menschliche Nähe?
Wann haben wir verlernt, dass Abschied ein zutiefst menschlicher Moment ist – einer, der nicht wiederholbar ist?

Sterben gehört zum Leben.
Es ist vielleicht der ehrlichste Teil davon.

Und doch versuchen wir, diesen Moment in Systeme, Vorschriften und Sicherheiten zu pressen.
Vielleicht, weil der Tod uns an unsere eigene Vergänglichkeit erinnert.
Vielleicht, weil Nichtwissen Angst macht. Vielleicht, weil Kontrolle sich sicherer anfühlt als Fühlen.

Aber was macht Angst, wenn sie unsere Handlungen bestimmt?
Sie trennt uns von unserer Lebendigkeit.

Gefühle sind Bewegung in uns. Sie verbinden uns mit uns selbst und miteinander. Sie helfen uns, Übergänge zu begreifen – auch den letzten.

Wenn wir Abschied nicht fühlen dürfen, bleibt oft etwas Unvollendetes zurück.

 

Ich weiß, dass mein Erleben nicht für alle Situationen sprechen kann. Ich weiß auch, dass viele Menschen bereits anders denken, anders begleiten, anders Abschied ermöglichen. Und dafür empfinde ich große Dankbarkeit.

Vielleicht geht es gar nicht darum, Systeme abzuschaffen.
Vielleicht geht es darum, sie wieder dem Leben zuzuwenden.

Vielleicht dürfen wir uns fragen:

Wo können Regeln dem Menschen dienen – und wo entfernen sie uns von dem, was uns menschlich macht?
Wie können wir Räume schaffen, in denen Abschied würdevoll möglich bleibt – für die, die gehen, und für die, die bleiben?

Der Tod meines Vaters und das Erleben in den Tagen danach hat mir klar gezeigt:

Würde endet nicht mit dem letzten Atemzug.
Und Abschied ist kein organisatorischer Vorgang – sondern ein zutiefst menschlicher.

Er hat mir auch gezeigt, wie verletzlich das Leben ist und wie sehr wir als Gesellschaft danach suchen, mit dieser Verletzlichkeit umgehen zu können – und wie wenig wir es oft gelernt haben.

Vielleicht dürfen wir uns genau darin wieder begegnen.
Unfertig. Unsicher. Aber menschlich.

Wenn ich heute an meinen Vater denke, denke ich an seine Herzlichkeit, sein Lachen, seine Offenheit & Liebe zum Leben und zu den Menschen.

Ich wünsche mir, dass genau diese Lebendigkeit auch den Moment unseres Abschieds prägen darf – als Familie, als Gesellschaft, als Menschen.

Von Herzen,
Daniela 🧡